Die Angst vor großem PublikumWer kennt die Situationen nicht: Meetings müssen moderiert werden,
Präsentationen stehen an, bei Feierlichkeiten will das Publikum mit
einer kurzen Ansprache begrüsst werden. Und egal, wie gut Sie
vorbereitet sind – vor jedem Auftritt vor einer größeren Zuhörerzahl
überkommt Sie das gleiche Gefühl. Sie würden sich am liebsten in Luft
auflösen. Abtauchen. Sich krank melden. Oder die Uhr um einige Stunden
vordrehen. Wenn Ihnen das auch so geht, sollten Sie jetzt weiter lesen.
Wenn nicht: Gratulation!
Woher kommt die Redeangst?
Sie wissen genau, dass Sie von kritischen Zuhörern beobachtet werden.
Sie befürchten, plötzlich den Faden zu verlieren oder auf eine
Zwischenfrage keine Antwort zu wissen. Womöglich haben Sie schon mal
eine Rede in den Sand gesetzt, und Sie erinnern sich wieder an dieses
Desaster. Sie werden ganz alleine vorne stehen, und es gibt keinen
Fluchtweg. Wahrscheinlich ist der Auftritt wichtig für den Erfolg des
Unternehmens. Und deshalb haben Sie Angst. Angst, sich zu blamieren.
Angst, einen Fehler zu machen. Angst, zu versagen. Und das ist
angesichts der Situation wirklich nicht verwunderlich.
Die Redeangst überwinden
Machen Sie den Test: Fragen Sie erfahrene Referenten oder Politiker, ob
sie Angst vor dem Auftritt haben. Sie werden sehen: Fast alle kennen das
Gefühl. Jeder aber hat seine ganz besonderen Tricks, damit umzugehen.
Die einen halten sich mit beiden Händen am Redepult fest, andere suchen
sich einen Zuhörer aus, mit dem sie immer wieder Blickkontakt halten –
und blenden einfach aus, wie viele andere noch anwesend sind. Die
dritten stellen sich vor, dass das Auditorium aus lauter Kohlköpfen
besteht – oder dass die Zuhörer im Adamskostüm dasitzen. Das mag
lächerlich klingen, aber es hilft. Warum?

Weil man sich dadurch ablenkt. Und weil man so die Zuhörer von dem
Sockel holt, auf den man sie selbst gestellt hat. Es sind Menschen, die
Ihrer Rede lauschen, Menschen wie du und ich – mit Stärken und
Schwächen. Menschen, die selbst ungern Vorträge halten. Menschen, die
sich garantiert schon alle irgendwann einmal blamiert haben – und die
deshalb mitfühlen und sich in den allerseltensten Fällen freuen, wenn
einem Redner bei seinem Auftritt eine Panne passiert. In der Regel
reagieren sie vielmehr mit wohlwollendem Verständnis. Wenn Sie sich das
bewusst machen, haben Sie bereits einen Teil Ihrer Redeangst überwunden.
Aber Sie können noch mehr tun: Bereiten Sie sich gut vor. Je mehr Sie
sich in Ihrem Thema zu Hause fühlen, um so selbstbewusster werden Sie
sein. Und: Üben Sie Ihren Vortrag. Stellen Sie sich mitten ins Zimmer
und tragen Sie das Manuskript laut vor. Wenn jemand bereit ist, Ihnen
dabei zuzuhören und Ihnen ein kritisches Feedback zu geben – um so
besser. Wenn nicht, sollten Sie trotzdem nicht darauf verzichten. Es
gibt Ihnen Sicherheit.
Drücken Sie sich nicht ständig vor Auftritten und Vorträgen. Irgendwann
müssen Sie garantiert ran – je mehr Erfahrung Sie dann haben, um so
besser. Familienfeste oder Feiern im Kreise von Freunden sind ein gutes
Übungsfeld. Hier geht es um nichts – und wenn Ihr Auftritt nicht perfekt
ist, so what? Dann haben Sie zumindest etwas zur guten Stimmung
beigetragen und das Publikum zum Lachen gebracht. Auslachen wir Sie in
diesem Kreis sicherlich niemand.
Der Begleiter der Angst: Lampenfieber
Trotz aller Tipps und Tricks: Ihr Herz rast, Sie schwitzen, die Beine
zittern – und der Kopf ist leer. Diese körperlichen Reaktionen nennt man
Lampenfieber. Doch woher kommen sie? Die Schaltzentrale in Ihrem Gehirn,
der Hypothalamus, antwortet bei derartigem Stress mit einer ganz
natürlichen und eigentlich gesunden Reaktion: Er macht Ihren Körper
bereit zur Flucht, in dem er Adrenalin ausschüttet. Dieses Hormon löst
Unruhe aus – und es erweitert u.a. die Bronchien und Pupillen, fördert
den Sauerstoffverbrauch des Körpers und befreit Fett- und Zuckervorräte
aus den Speichern. Es setzt den Körper in Alarmbereitschaft.
Lampenfieber ist folglich eine Reaktion, der niemand völlig entgehen
kann. Wenn Sie sich diese Tatsache bewusst machen, können Sie sich schon
dadurch beruhigen, dass Sie die plötzlich aufkommenden Selbstzweifel
einfach auf das Adrenalin zurückführen – und nicht etwa auf Ihre
Inkompetenz.
Lampenfieber hat aber auch positive Nebeneffekte. Denn sie sind hellwach
und hoch konzentriert. Jedes Quäntchen Energie wird frei – und diese
Kraft können Sie jetzt einsetzen, um ganz besonders überzeugend zu sein.
Wenn Sie sich derart fit und lebhaft präsentieren, überträgt sich dies
auch auf Ihr Gegenüber. Das glauben Sie nicht? Dann achten Sie mal
darauf, wie einschläfernd jemand wirkt, der routinemäßig und deshalb
gänzlich ohne Lampenfieber eine Rede hält. Die Coolness wird vom
Publikum schnell als Langeweile oder Desinteresse aufgefasst, und der
Vortrag wirkt bald lahm und träge.
Regen Sie sich also nicht über Ihr Lampenfieber auf – sondern freuen Sie
sich, dass es da ist. Denn es hilft Ihnen, besser zu sein. Wenn Sie sich
auch das bewusst machen, haben Sie die Nervosität ein weiteres Stück
zurück gedrängt.
Wie Sie Ihren Körper überlisten können
Zum Beispiel durch Autosuggestion und positives Denken: Sie freuen Sie
auf den Vortrag oder das Gespräch – Sie haben sich schließlich lange
darauf vorbereitet Atmen Sie tief durch. Gehen Sie eine Runde um den
Block. Machen Sie fünf Kniebeugen. Kurz: Geben Sie dem Fluchtbedürfnis
Ihres Körpers nach, indem Sie ihm körperliche Bewegung anbieten.
Suchen Sie Ablenkung. Bestimmt findet sich jemand, der vor Ihrem
Auftritt bereit ist, sich ein paar Minuten mit Ihnen zu unterhalten.
Bestimmt kennen Sie jemanden, den Sie anrufen können. Notfalls tut es
auch ein Gespräch mit der Bäckersfrau oder einem wildfremden
Spaziergänger, der sich gerade auf einer Parkbank ausruht.
Vor allem aber: Trinken Sie vor Ihrem Auftritt auf keinen Fall Alkohol
und nehmen Sie auch keine Beruhigungstabletten. Beides dämpft – und Sie
wollen doch alle Sinne beieinander haben und nicht seelenruhig, aber
dafür schläfrig sein. Entscheidenden Situationen sollte man mit klarem
Kopf begegnen.