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Die Türkei und der EU-Beitritt

Ein Schritt in die richtige Richtung?
Bei kaum einem Thema gehen die Meinungen so sehr auseinander, wie bei der Diskussion über den EU-Beitritt der Türkei. Auch im Bundestagswahlkampf spielte das Thema eine wichtige Rolle. Während die einen die positiven Aspekte betonen, warnen die Kritiker vor zahlreichen Problemen.

Vielen ist allerdings die lange Vorgeschichte des Themas gar nicht bewusst. Schon seit dem Jahre 1963 besteht ein Assoziationsvertrag zwischen der damaligen EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) und der Türkei, in dem dieser das Recht auf einen späteren Beitritt zugesichert wird. 1989 wurde ein Antrag der Türkei auf Vollmitgliedschaft zwar abgelehnt, eine prinzipielle Beitrittsmöglichkeit aber gleichzeitig bestätigt. Nachdem der Europäische Rat 1993 die „Kopenhagener Kriterien“ ausformuliert hatte, die jedes Land vor einem EU-Beitritt erfüllen muss, erkannte die EU im Jahre 1999 der Türkei den Status eines Beitrittskandidaten zu. Nach diesen Kriterien muss jedes potentielle Beitrittsland die Wahrung der Menschenrechte, den Schutz von Minderheiten sowie eine demokratische, rechtsstaatliche Ordnung und institutionelle Stabilität gewährleisten.

Anfang Oktober 2005 bestätigte die EU-Kommission, dass die Bedingungen für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen inzwischen erfüllt sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Türkei nach Ablauf der Verhandlungen im Jahr 2014 auch garantiert in die EU aufgenommen wird; sie werden ergebnisoffen geführt.
 
















Mittendrin oder außen vor?

Viele Beitrittsgegner berufen sich auf das Argument, dass die Türkei weder kulturell noch geographisch zu Europa gehöre. Es fehlt ihrer Meinung nach das „Wir-Gefühl“, das sich aus gemeinsamen historischen Erfahrungen und verschiedenen Prägungen ergibt.

Ein großer Unterschied zwischen der Türkei und dem restlichen Europa sei auch die mangelnde Gleichberechtigung von Mann und Frau, so die Gegner eines EU-Beitritts. Allerdings ist selbst in Deutschland eine echte Gleichstellung der Geschlechter, beispielsweise im Berufsleben, leider noch immer nicht an der Tagesordnung, selbst wenn unser Grundgesetz dies vorschreibt.

Auch in der Religion unterscheidet sich die Türkei von den restlichen 25 Mitgliedstaaten der EU. Doch genau diesen Punkt erkennen die Befürworter nicht als Hindernis an. Ist Europa ein christlicher „Klub“? Warum sollten Muslime und Christen nur neben- oder gar gegeneinander, anstatt miteinander leben können, wie sie das in vielen europäischen Großstädten bereits tun?

In den Augen der Fürsprecher eröffnen sich durch einen Beitritt der Türkei neue geologische Horizonte; sie sehen die Vollmitgliedschaft der Türkei nicht als Last, sondern vielmehr als Bereicherung an. Vor allem bei der Erschließung neuer Rohstoffquellen und Märkte – vorzugsweise im Nahen und Mittleren Osten, aber auch in Zentralasien – könnte sich die Türkei als wichtiger strategischer Partner profilieren.
 
Ein weiteres Gegenargument der Kritiker ist, dass mit dem Beitritt der Türkei immense Kosten auf die EU zukommen würden. Da die Landwirtschaft in der Türkei stark ausgeprägt ist (rund 14 Prozent des türkischen Bruttoinlandsprodukts), würde das Land vom hohen EU-Agrarhaushalt enorm profitieren. Konkrete Zahlen können zum aktuellen Zeitpunkt allerdings nicht genannt werden. Trotzdem sind sich die Beitrittsgegner sicher, dass die Aufnahme der Türkei die EU teurer zu stehen kommen würde, als die Aufnahme der zehn neuen Mitgliedsstaaten im Jahr 2004. Hinzu kommt, dass die Türkei der größte Staat der EU wäre und somit als relativ armes Land eine dominierende Rolle neben Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Deutschland einnehmen würde.

Da innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten das Prinzip der Freizügigkeit herrscht, befürchten viele Menschen eine drohende Völkerwanderung und einen damit verbundenen Anstieg der Arbeitslosenzahlen in der EU. Viele Kritiker bemängeln zudem die mehr oder weniger gescheiterte Integration der bereits in Deutschland lebenden Türken. Vielleicht würden viele Menschen tatsächlich die verlockende Option der freien Wohnortwahl nutzen und in die verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten auswandern. Allerdings schätzen Experten, dass – aufgrund der demographisch Entwicklung (Kindermangel) – in Europa in einigen Jahren dringend Arbeitskräfte benötigt werden. Fürsprecher halten außerdem dagegen, dass in zehn Jahren – erst dann wäre der Beitritt in die EU spruchreif – höchstwahrscheinlich auch in der Türkei ein höherer Lebensstandard gegeben sein wird.
 
Allein schon die Aussicht auf einen EU-Beitritt bewirkt Fortschritte in der Türkei. So wurden in den letzten Jahren wichtige Gesetzesänderungen eingeführt. Im Juli 2004 wurde beispielsweise die Todesstrafe abgeschafft, und bereits 2003 ergriff die türkische Regierung wichtige Maßnahmen zur Stärkung der Minderheiten, Verhütung und Bekämpfung von Folter sowie zur Erweiterung der Meinungs-, Vereins- und Versammlungsfreiheit. Dies ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, doch leider gehören bis heute Folter und schwere Menschenrechtsverletzungen nicht der Vergangenheit an. Beitrittsgegner beklagen zudem den starken Machteinfluss des Militärs. Ein Land mit dem Militär als politischem Machtfaktor, in dem die Wahrung der Menschenrechte nicht gewährleistet ist, hat in ihren Augen in der Europäischen Union nichts zu suchen.

Ein weiteres Argument: Mit dem EU-Beitritt der Türkei würde die EU plötzlich an Konfliktregionen wie Syrien, Armenien, Georgien sowie den Iran und Irak angrenzen. Diktatoren, Extremisten, Terroristen – nicht unbedingt eine Nachbarschaft, die wir Europäer uns wünschen. Eine strenge Bewachung mehrerer hundert Grenzkilometer würden notwendig werden. Man kann dieses Problem allerdings auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Durch eine EU-Mitgliedschaft könnte nicht nur der Konflikt zwischen den Kulturen entschärft, sondern auch der Kampf gegen den Terrorismus erleichtert werden, indem die Türkei aufgrund ihrer Lage wie eine Schutzmauer wirkt. Genau aus diesem geopolitischen Grund unterstützen beispielsweise die USA eine Vollmitgliedschaft. Zudem wäre ein EU-Beitritt ein positives Signal an die islamische Welt sein, dass Demokratie und Islam kein Widerspruch, sondern durchaus vereinbar sind.
 
Die Türkei: Mittendrin oder außen vor. Das ist die Frage. Gibt es sinnvolle Alternativen zur Vollmitgliedschaft? Klar kann die Türkei auch ohne EU-Mitgliedschaft eine moderne Demokratie werden. Bestehende Hilfsprogramme ließen sich aufstocken und auch über weitere Ausfuhr- und Zollerleichterungen könnte man verhandeln. Heiß diskutiert wird derzeit auch eine „privilegierten Partnerschaft“ zwischen der Europäischen Union und der Türkei. Allerdings wird diese nicht dem Versprechen von 1963 gerecht. Wenn andere Länder nach Erfüllung der Kopenhagener Kriterien eine „Eintrittskarte“ für die EU bekommen, warum dann nicht auch die Türkei? Sollte Europa nicht nach vorne blicken und seine Chancen und Optionen nutzen?

Es gibt viele Pro- und Contra-Argumente – letztendlich muss sich jeder seine eigene Meinung bilden. Aber: Bei allen hitzigen Debatten sollte man doch die Kirche im Dorf lassen. Die Beitrittsverhandlungen haben gerade erst begonnen und eine Vollmitgliedschaft kommt frühestens 2014 in Frage.



Bildquelle: snygo.com