LeitzKnowHow

Wenn die Eltern Pflege brauchen (Teil 1)

 

Die Zeit vergeht schnell, man wird älter – und eines Tages muss man sich der Tatsache stellen, dass die eigenen Eltern richtig alt geworden sind. Leider sind nicht alle Senioren so vital, wie es in der Werbung oft suggeriert wird. Ob man will oder nicht: Spätestens ab Mitte 70 zwickt es am einen Tag hier und zwackt es am anderen da. Der Haushalt geht nicht mehr so leicht von der Hand – ob Fenster putzen oder Betten beziehen. Schließlich werden aus Zipperlein echte Handicaps. Womöglich strauchelt man hin und wieder oder kommt nicht mehr so leicht aus der Badewanne. Und irgendwann muss man sich als Tochter oder Sohn mit der Frage beschäftigen: Wie soll es weiter gehen mit Mutter und/oder Vater?

Wohl dem, der Eltern hat, die einsehen, dass sie Hilfe benötigen. Oft ist – verständlicherweise – die schwerste Hürde, Mutter und/oder Vater so weit zu bringen, dass sie sich eingestehen, dass es ohne Hilfe nicht mehr geht, und dass Sie als berufstätiges „Kind“ die notwendige Unterstützung nicht regelmäßig bieten können – oft allein schon wegen der Entfernung zwischen den Wohnorten.

Häufig kann man gar nicht längerfristig planen, sondern steht ganz unerwartet vor der Aufgabe, Hilfe zu organisieren: Die Mutter liegt im Krankenhaus und plötzlich heißt es: Morgen wird sie entlassen. Es ist jedoch nicht daran zu denken, dass sie sich selbst versorgen kann – und der Vater ist ebenfalls gebrechlich oder womöglich bereits verstorben. Was also tun?
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Wichtig ist, trotz aller Panikgefühle erst einmal Ruhe zu bewahren. Und genauso wichtig ist es, wenn möglich nichts über den Kopf des Pflegebedürftigen hinweg zu beschließen, sondern ihn ernst zu nehmen und in alle Überlegungen so weit wie möglich miteinzubeziehen. Behandeln Sie alte Menschen nicht wie kleine Kinder. Nehmen Sie ihnen nie die Würde! Denken Sie immer daran, dass Sie selbst auch einmal in eine derartige Situation kommen können. Vergessen Sie nicht: Alt zu sein und sich mit der eigenen Gebrechlichkeit auseinanderzusetzen, sich womöglich von den eigentlich Kindern sagen lassen zu müssen, was man zu tun und zu lassen hat, ist sehr schwer.

Seien Sie nicht überfürsorglich. Organisieren Sie nur so viel Unterstützung und Pflege, wie tatsächlich benötigt wird. Wenn Ihrem Vater oder Ihrer Mutter nichts zu tun bleibt, als von morgens bis abends im Sessel zu sitzen, geht die Freude am Leben verloren. Geistig und körperlich fit bleibt nur, wer sich fordert! Zudem kann man Gefahren ohnehin nie völlig ausschließen. Organisieren Sie also nicht gleich eine Rundum-Betreuung, sondern Schritt für Schritt immer nur so viel Unterstützung, wie tatsächlich gebraucht wird – aber auch nicht weniger.

Noch ein Wort zu Ihrem eigenen Befinden: Stehen Sie zu Ihrer Entscheidung und lassen Sie sich von niemandem ein schlechtes Gewissen einreden. In den seltensten Fällen kann man die Pflege der Mutter oder des Vaters komplett selbst übernehmen. Kann es wirklich langfristig eine Lösung sein, die eigene Familie zu vernachlässigen und den Job an den Nagel hängen, um tagtäglich und womöglich rund um die Uhr Mutter oder Vater zu pflegen? Kümmern Sie sich, so oft es geht. Aber überfordern Sie sich nicht.

Doch wo findet man externe Hilfe? Wir geben Ihnen Tipps:

Gemeinsam sind sie stärker
Oft können alte Menschen noch viel, aber nicht mehr alles selber machen. Und nicht selten verlieren sie den Lebensmut, weil sie nach dem Tod des Ehepartners zu oft alleine sind. Warum sich also nicht mit anderen Senioren zusammentun? In Geselligkeit schmeckt das Essen besser, und das Kochen macht mit Unterstützung auch mehr Spaß. Man kann sich ja abwechselnd gegenseitig besuchen.

Oder: Warum nicht unter Senioren eine Telefonkette bilden und sich täglich anrufen? So hat man die Gewissheit, dass niemand tagelang hilflos in der eigenen Wohnung liegt. Und man hat gleichzeitig garantiert jeden Tag Kontakt zu anderen Menschen und ein nettes Gespräch.

Versuchen Sie Ihre Eltern zu überzeugen, dass es keine Schande ist, andere um Hilfe zu bitten. Oft brauchen eben diese anderen selbst Hilfe. Es muss nur einer den ersten Schritt tun. Hilfe anzunehmen kann man auch im hohen Alter noch lernen – und die Erfahrung machen, dass es gar nicht schlimm ist, jemandem zu Dank verpflichtet zu sein.

Nachbarn
Oft sind die Nachbarn hilfsbereiter, als man glaubt. Man muss sich nur getrauen, sie zu fragen. Durchaus möglich, dass sie sich bereit erklären, einen Wohnungsschlüssel Ihrer Eltern zu übernehmen und mal drüben nachzuschauen, wenn Sie sich Sorgen machen, weil niemand ans Telefon geht. Durchaus möglich, dass es den Nachbarn überhaupt nichts ausmacht, Ihrer Mutter oder Ihren Vater gelegentlich etwas aus dem Supermarkt mitzubringen. Durchaus möglich, dass ein Kind der Nachbarn sich gerne ein Taschengeld verdient und Botengänge übernimmt. Durchaus möglich sogar, dass die Nachbarin selbst etwas hinzuverdienen will und sich bereit erklärt, Ihrer Mutter morgens beim An- und abends beim Ausziehen zu helfen. Fragen kostet nichts!
Putzen lassen
Gardinen abnehmen, Fenster putzen, Betten beziehen, Boden wischen, Badewanne schrubben: Das sind Haushaltsarbeiten, die Senioren oft nicht mehr leisten können. Trotzdem soll die Wohnung sauber sein. Und erst recht darf es nicht passieren, dass Oma von der Leiter fällt, weil sie unbedingt das Fenster putzen wollte, aus Sorge, was sonst die Nachbarn denken könnten...

Engagieren Sie eine Putzfrau – meist genügt es, wenn sie einmal die Woche für zwei oder drei Stunden kommt. Melden Sie die Perle als Minijobberin bei der Bundesknappschaft an – die monatlichen Abgaben und der Bürokratieaufwand sind relativ gering. Und Sie sind rechtlich auf der sicheren Seite.

Hausnotruf
Manchmal ist die Bewältigung des Alltags gar kein großes Problem. Alles wäre gut, wenn da nicht immer wieder die Schwindelgefühle wären: Opa fällt immer wieder hin und kommt dann nicht mehr hoch. In derartigen Fällen bringt ein Hausnotruf zum Beispiel des Roten Kreuzes beiden Seiten Sicherheit – dem, der betroffen ist und denen, die sich um ihn sorgen. Man trägt den Notruf wie eine Armbanduhr oder eine Halskette. Drückt man auf den Knopf, meldet sich sofort jemand vom Notrufdienst. War die Meldung ein Versehen, gibt man einfach kurz Bescheid. Ist wirklich ein Notfall eingetreten oder bekommt der Notrufdienst auf Nachfrage keine Antwort, wird Hilfe organisiert. Zudem muss der Senior sich täglich zu einer bestimmten Uhrzeit rückmelden – bleibt dies aus, fragt der Notrufdienst nach, ob alles in Ordnung ist, und alarmiert gegebenenfalls Nachbarn oder andere Ansprechpartner. Diesen Service gibt’s für monatlich unter 40 Euro – ein Einsatz, der Leben retten kann.

Essen auf Rädern
Mit Hausnotruf und Putzfrau sind die dringendsten Probleme gelöst, aber Mutter oder Vater ernähren sich nur von belegten Broten, weil sie nicht kochen wollen oder können? Dann buchen Sie „Essen auf Rädern“ oder fragen Sie einfach mal beim Gasthaus um die Ecke nach, was ein mittäglicher vitaminreicher Seniorenteller kosten würde – und ob das Essen vielleicht sogar geliefert werden kann. Vielleicht reicht es auch, jeden zweiten Tag zu buchen und für die Tage dazwischen vorzukochen und das Essen einzufrieren. Eine Mikrowelle ist leicht zu bedienen und die Anschaffung kostet nicht viel.

Technische Hilfen
Ein Griff an der Wand neben der Toilette, eine erhöhte Toilettenbrille, ein Sitz für die Badewanne, ein keilförmiges Stuhlkissen, ein Rollator, ein Bettgalgen, an dem man sich hochziehen kann, ein höheres, verstellbares Bett: Derartige technische Hilfen erleichtern Senioren den Alltag und schaffen Sicherheit. Erkundigen Sie sich bei der Krankenkasse, welche Angebote es gibt und welche Kosten übernommen werden.

Am wichtigsten aber ist etwas, das gar nichts kostet und kaum Arbeit macht: Entfernen Sie konsequent alle Stolperfallen, wie zum Beispiel Verlängerungs- und Telefonkabel sowie insbesondere Vorleger vor Badewanne oder Toilette, Flurläufer, Bettumrandungen oder andere Teppiche.

Nachbarschaftshilfe
In manchen Kommunen gibt es eine organisierte Nachbarschaftshilfe. Meistens sind es Frauen mittleren Alters, die man „buchen“ kann und die dann – je nach Vereinbarung – an bestimmten Tagen kommen und Senioren zum Beispiel beim Spaziergang oder zu Arztterminen begleiten oder ihnen Tätigkeiten im Haushalt abnehmen. Erkundigen Sie sich bei Ihrer Kommune oder auch der Kirchengemeinde.

Sozialstation
Sozialstation vermitteln Zivildienstleistende und pflegerische Fachkräfte, die zum Beispiel Verbände wechseln, Pflegebedürftige waschen und umlagern sowie ihnen aus dem Bett oder ins Bett hinein helfen. Die Sozialstationen können Ihnen auch alle Fragen rund um die Betreuung alter Menschen beantworten – inklusive Pflegeversicherung.

Hilfskräfte aus Osteuropa
Wenn ein Elternteil auf gar keinen Fall ins Alten- oder Pflegeheim möchte, bleibt oft nur noch ein Ausweg: Eine Hilfskraft aus Osteuropa. Denn eine Rundum-Betreuung mit deutschen Fachkräften zu organisieren, ist für die meisten einfach unbezahlbar. Aber Achtung: Hilfskräfte, die mit einem Touristenvisum für drei Monate nach Deutschland einreisen, in dieser Zeit die Oma betreuen, kurz heimfahren und dann wieder kommen, um weiterzuarbeiten, sind Schwarzarbeiterinnen. Wenn Sie eine derartige Kraft beschäftigen, machen Sie sich strafbar. Ganz abgesehen davon, dass Sie in Teufels Küche kommen, wenn die gute Seele aus Polen verunglückt oder krank wird.

Es gibt allerdings hier in Deutschland Büros, die Personal vermitteln, das bei osteuropäischen Firmen angestellt und versichert ist. Diese Mitarbeiter werden dann legal als Haushaltshilfe für ein Jahr nach Deutschland entsandt. Im Internet finden Sie schnell entsprechende Angebote, die Sie allerdings möglichst genau auf Seriosität überprüfen sollten.

Und wenn das alles nicht ausreicht? Wenn Oma oder Opa, Mutter oder Vater ein Pflegefall wird? Im zweiten Teil dieses Artikels informieren wir Sie über betreutes Wohnen und die Unterbringung im Alten- und Pflegeheim. Und wir beleuchten die Frage „Wer soll das bezahlen“ und beschäftigen uns mit den Pflegestufen sowie der Unterhaltspflicht der Kinder.

Bild: aboutpixel.de / Altenpflege © Uwe Dreßler