Besser verhandeln kann man lernen
Wie man Verhandlungen führt, lernt man eigentlich schon als Kind. „Muss
ich wirklich jetzt sofort ins Bett?“ fragen die lieben Kleinen und
fangen nach dem eigentlich klaren „Ja!“ sofort zu verhandeln an. „Ich
bin aber noch gar nicht müde.“ „Das ist ungerecht, die Sabine darf
länger aufbleiben als ich.“ „Morgen habe ich aber eine Stunde später
Schule.“ „Nur noch das Spiel fertig spielen“. Dabei lernen sie, dass es
verschiedene Ebenen der Argumentation gibt – die sachliche und die
emotionale – und dass manche Argumente schwächer und andere stärker
sind. Sie lernen, dass es gut sein kann, Charme einzusetzen, wann es
sinnvoll ist, an Gefühle zu appellieren und dass man es akzeptieren
muss, wenn der Verhandlungsspielraum ausgereizt ist. Und sie lernen,
Kompromisse einzugehen. Nicht zuletzt aber lernen sie die harte Lektion
fürs Leben: Beim Verhandeln hat immer der die besseren Karten, der sich
in der Machtposition befindet.
Kinder verhandeln instinktiv und je nach ihrer natürlichen Begabung. Als
Erwachsener können wir auf diese Erfahrungen aufbauen und uns zudem
Verhandlungstechniken aneignen, die man gezielt einsetzen kann, um
bessere Ergebnisse zu erreichen.
Die Phasen einer Verhandlung
Eine Verhandlung läuft in ihren Grundzügen immer gleich ab:
Nach der freundlichen gegenseitigen Begrüßung mit ein bisschen Smalltalk
folgt die Einleitung, in der das Thema und die gemeinsame Ausgangsbasis
möglichst klar besprochen werden, damit keine Missverständnisse
entstehen, die den weiteren Verlauf des Gesprächs erschweren.
Schließlich stellen die Parteien nacheinander ihre Positionen vor und
begründen sie. Wenn beiden Seiten hierfür gleich viel Zeit eingeräumt
und niemand unterbrochen wird, hat man schon eine gute Grundlage für die
nächste Runde gelegt:
Denn jetzt beginnt das eigentliche Verhandeln – das Feilschen. Die Vor-
und Nachteile der jeweiligen Positionen werden erläutert,
Gegenvorschläge unterbreitet. In dieser schwierigsten Phase kommt man
nur weiter, wenn alle kompromissbereit sind und niemand auf seiner
ursprünglichen Position beharrt. Hier entscheidet sich aber auch, wer
seine Ziele am besten durchsetzen kann. Wichtig ist deshalb natürlich,
dass man seine Vorschläge so präsentiert, dass man die andere Seite
überzeugt.
Konnte man sich schließlich auf eine gemeinsame Position einigen, folgt
der Beschluss – und damit ist die Verhandlung beendet.
Gute Verhandlungen enden mit einem Kompromiss
Was für die Politik gilt, stimmt auch im Geschäftsleben: Beschlüsse sind
nur dann dauerhaft wirksam, wenn alle Parteien mit ihnen leben können.
Voraussetzung dafür ist, dass nicht nur die Vorstellungen einer
Verhandlungsseite berücksichtigt, sondern Kompromisse geschlossen
werden, die für alle Beteiligten tragbar sind. Es geht also für alle
immer um Geben und Nehmen, Verlieren und Gewinnen. Das Siegen aber
sollte nie ein Ziel sein.
Dies gelingt dann am besten, wenn gleichberechtigte Partner miteinander
verhandeln, bzw. wenn alle Parteien sich gegenseitig ernst nehmen und
sich als gleichwertig betrachten.
Was man haben und können muss
Im Wesentlichen sind es vier Komponenten, auf die eine gute
Verhandlungsführung aufbaut:
Einfühlungsvermögen: Wer erfolgreich verhandeln will, muss sich in
seinen Gesprächspartner einfühlen können. Was wird er auf mein Argument
erwidern? Was will er mir mit diesem Satz – womöglich unterschwellig –
mitteilen? Oder: Warum reagiert er plötzlich gereizt und wie kann ich
ihn wieder beruhigen? Eine Grundvoraussetzung hierfür ist es, gut
zuzuhören und zu beobachten. Denn nur dann nehmen Sie Details seines
Verhaltens wahr und können entsprechend darauf reagieren. Wer sich nur
auf die eigene Verhandlungsführung konzentriert, wird scheitern.
Überzeugungskraft: Es geht bei Verhandlungen nicht ums Überreden,
sondern ums Überzeugen. Denn wenn Sie Ihren Verhandlungspartner als
Gegner betrachten und ihn über den Tisch ziehen, wird er das sicher
irgendwann merken. Auf eine längere Geschäftsverbindung können Sie dann
nicht mehr hoffen – oder Sie müssen sich bei den nächsten Verhandlungen
warm anziehen, weil Ihr Gegenüber misstrauisch sein und jedes Ihrer
Argumente auf die Goldwaage legen wird. Überzeugen aber kann nur, wer
von seinen Positionen selbst überzeugt ist. Denn nur dann kann man sie
glaubhaft und mit Elan vertreten. Wer seinen eigenen Argumenten nicht so
recht traut, wirkt unsicher und zögernd – und das überträgt sich.
Logik: Wenn Sie unlogisch argumentieren und sich womöglich ständig
widersprechen, wird sich Ihr Verhandlungspartner wundern – und sich
freuen, denn Sie öffnen ihm damit quasi ein Scheunentor, in das er mit
seinen Erwiderungen einfahren kann. Sie stehen dann relativ hilflos da
und haben es schwer, Ihre Positionen durchzusetzen. Übrigens weicht man
gern auf unlogische Behauptungen aus, wenn die Argumente ausgehen...
Wissen: Deshalb ist es unabdingbar, dass Sie sich in Ihrem
Verhandlungsgebiet auskennen. Denn nur dann können Sie fundiert
argumentieren und Einwürfe überzeugend kontern.
Was will ich?
Wer zufrieden aus einer Verhandlung gehen will, muss sich gut
vorbereiten und genau überlegen:
- Was will ich und was will ich auf keinen Fall?
- Was könnte das Ziel der Gegenpartei sein und wo liegen deren Grenzen?
- Habe ich die notwendigen Entscheidungskompetenzen – wie weit darf ich
gehen?
- Hat das Ergebnis früherer Verhandlungen – auch mit anderen
Verhandlungspartnern – Einfluss auf das aktuelle Gespräch?
- Gibt es Sachzwänge oder rechtliche Bestimmungen, die die Verhandlungen
einschränken?
- Welche Wege könnten mich zum Ziel führen?
- Wo habe ich eine gute Verhandlungsposition, was sind meine stärksten
Argumente?
- Wo liegen meine Schwachpunkte?
- Was könnte mein Verhandlungspartner darauf erwidern?
- Was kann ich als Verhandlungsmasse anbieten?
- Mit welchem Kompromiss könnte ich gut oder weniger gut leben? Welcher
müsste für die andere Partei tragbar sein?
Vom Fluchtwege planen und Haken schlagen
Verhandlungen kann man gut mit einem sportlichen Wettkampf vergleichen:
Wichtig ist Fairness – wichtig ist aber auch eine gute Taktik.
Damit niemand ein Heimspiel hat, sollten sie an einem neutralen Ort
stattfinden. Und damit jeder den Spielstand kennt, ist es wichtig,
Zwischenergebnisse festzuhalten. Manchmal kann es auch notwendig sein,
eine Auszeit zu verkünden, damit man die Taktik neu überdenken kann und
ein bisschen Zeit hat, sich zu sammeln und Luft zu holen.
Wenn die eine Mannschaft die Strategie der anderen genau durchschaut,
hat sie es leicht, entsprechend zu reagieren. Es ist also sinnvoll,
nicht direkt aufs Tor zu zielen, sondern den Ball erst mal hin- und
herzuspielen, den einen oder anderen Haken zu schlagen – und dann
überraschend anzugreifen. Das bedeutet zum Beispiel: Sprechen Sie über
andere Themen, erläutern Sie vergleichbare Lösungen – und übertragen Sie
diese dann auf das eigentliche Thema.
Wer seinen Gegner reizt, muss mit verstärkter Abwehr rechnen. Im
schlimmsten Fall gibt es die rote Karte – nichts ist mehr möglich.
Bringen Sie also Ihren Verhandlungspartner nicht durch vorbelastete
Begriffe oder Fouls zur Weißglut, verletzen oder beleidigen Sie ihn
nicht und machen Sie ihn nicht klein. Versuchen Sie vielmehr, sachlich
zu argumentieren und Emotionen außen vor zu lassen.
Auch die friedlichste Hauskatze faucht und fährt die Krallen aus, wenn
sie sich bedroht fühlt und keinen Ausweg mehr sieht. Lassen Sie also
immer einen guten Fluchtweg offen – niemand sollte sein Gesicht
verlieren. Alle müssen die Verhandlung mit erhobenem Kopf verlassen
können.
Ein paar Tipps und Tricks zum Schluss
Was für normale Gespräche gilt, gilt selbstverständlich auch für
Verhandlungen: Hören Sie gut zu, schauen Sie Ihren Gesprächspartner an,
signalisieren Sie Aufmerksamkeit und lassen Sie den anderen ausreden.
Dazu gibt es ein paar Tipps und Tricks – die meisten kennt man von
Politikern –, wie man sich aus der Patsche ziehen kann:
Überhören und übergehen Sie Einwände, auf die Sie keine klare Erwiderung
haben.
Vermeiden Sie ein klares Nein. Formulierungen wie „Das sehe ich noch
nicht so“ oder „Da müssen wir noch genauer darüber sprechen“ schaffen
Ihnen Spielraum.
Antworten Sie mit einer Gegen- oder einer Suggestivfrage. Mit Äußerungen
wie „Sie sind doch sicher nicht der Ansicht, dass..“ „Sollten wir diesen
Punkt nicht....“ können Sie das Gespräch in die von Ihnen gewünschte
Richtung lenken.
Formulieren Sie Aussagen positiv und betonen Sie Vorteile des anderen.
„Schön, dass wir uns hier einigen konnten“. „Diese Lösung öffnet Ihnen
gute Möglichkeiten der Weiterentwicklung“ – derartige Aussagen schaffen
ein gutes Klima und geben Ihrem Gegenüber das Gefühl, auf dem richtigen
Weg zu sein.
„Es macht immer wieder Spaß, mit Ihnen zu verhandeln. Sie sind zwar ein
harter, aber ein fairer Gesprächspartner. Und die Lösungen, auf die wir
uns einigen, sind für mich besonders befriedigend, weil sie oft so
ungewöhnlich und kreativ sind. Ich freue mich schon auf unseren nächsten
Disput“. Mit einem derartigen Schlusssatz schenken Sie Ihrem
Gesprächspartner Wertschätzung und schaffen eine gute Basis für die
Zukunft.