LeitzKnowHow

Russlandknigge

 

Dicke Pelzmützen wegen Väterchen Frost, gebückt gehende frierende Mütterchen ohne Rente, reiche Oligarchen und, nicht zu vergessen, die russische Mafia. Das sind die Klischees. Und wie ist die Wirklichkeit?

Russland ist der bevölkerungsreichste Staat Europas und der flächenmäßig größte Staat der Erde, doppelt so groß wie die USA und fast 50-mal größer als Deutschland. Eine Reise von Nord nach Süd erstreckt sich über rund 4.000 Kilometer und von West nach Ost über mehr als 9.000 Kilometer – man durchquert dabei elf Zeitzonen. Russland hat Zugang zu 13 Meeren und die längste Grenze der Welt – mit 14 Nachbarn. Angesichts dieser Dimensionen ist es nicht verwunderlich, dass Russland auch die weltweit größte Klimavielfalt bietet. Väterchen Frost hat also nicht überall das Sagen.

Russland ist Deutschlands größter Rohöl- und Erdgaslieferant. Deutschland wiederum ist Russlands wichtigster Handelspartner. Doch kommt man in Russland geschäftlich wirklich nur weiter, wenn man schmiert, besticht und Schutzgeld bezahlt? In einem internationalen Ranking zur Korruption wird Russland jedenfalls die zweifelhafte Ehre zuteil, einen der vordersten Plätze einzunehmen. Ausländische Investoren haben trotzdem weniger mit der organisierten Kriminalität zu kämpfen als mit der staatlichen Bürokratie. Doch auch die sorgt oft für erhebliche Zusatzausgaben.

Doch wie verhält man sich denn nun, wenn man in Russland ist? Worauf sollte man achten?
embeddedImage


















Russische Seele
Auf den ersten Blick wirken die Russen oft ziemlich ruppig. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn man als Kunde von Verkäuferinnen zunächst nicht beachtet wird. Auch wer um Auskunft bittet, wird nicht unbedingt mit einem freundlichen Lächeln bedacht. Und wer in eine Ausweiskontrolle gerät, den kann der grimmige Gesichtsausdruck des Kontrolleurs durchaus in Schrecken versetzen. Doch hinter all dem versteckt sich die große russische Seele, die es zu entdecken gilt. Bleiben Sie also freundlich und suchen Sie das Gespräch. Wenn Sie auf Russisch zumindest einige Worte wie „Bitte“ (Paschalusta) und „Danke“ (Spasiba) oder „Guten Tag“ (Dobryi denj) und „Auf Wiedersehen“ (Do swidanja) sagen können, werden Sie es leichter haben. Und sie werden sehen: Die harte Schale verbirgt einen weichen Kern. Russen sind sehr gastfreundlich, humorvoll – und oft sogar romantisch und sentimental.

Übrigens: In Russland haben sich Männer noch immer wie Kavaliere der alten Schule zu verhalten. Wer nicht mehr weiß, was das bedeutet: Mann öffnet Frauen die Türe, trägt ihnen die Tasche, hilft ihnen aus dem Mantel, führt sie zu ihrem Platz im Restaurant, reicht ihnen Feuer. Und: Mann bezahlt die Rechnung.

Begrüßung
Russische Namen bestehen aus drei Teilen: dem Vornamen, dem Mittelnamen – meist der Vorname des Vaters – und dem Nachnamen. Bei Frauen wird beim Mittel- und Nachnamen jeweils ein „a“ angehängt. Als Anrede verwendet man beim ersten Kontakt nur den Nachnamen und ab dann den Vor- und Nachnamen.

Unterwegs
Lassen Sie sich am besten vom Flughafen abholen. Ist das nicht möglich, dann sollten Sie die Metro oder ein offizielles Taxi nutzen und darauf achten, dass der Fahrer den Taxameter einschaltet. Viele private Autobesitzer wollen sich etwas dazuverdienen und nutzen ihr Fahrzeug als Taxi. Diese Schwarztaxis sollten Sie meiden oder wenigstens nur dann in eines steigen, wenn außer dem Fahrer niemand darin sitzt. Frauen sollten nachts nicht alleine fahren.
Wer sich selbst ans Steuer setzt, braucht gute Nerven, denn die Einheimischen haben einen Fahrstil, der bei uns als rüpelhaft gelten würde. Deshalb sollte man sich als Fußgänger auch nie darauf verlassen, dass Autos an Zebrastreifen anhalten.

Geschäftsverhandlungen
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, sagte Lenin. Und daran halten sich die Russen bis heute. Man vermeidet jedes Risiko. Spontane, pragmatische Lösungen sind kaum möglich. Weil man dem Offiziellen misstraut, setzt man lieber auf persönliche Kontakte – nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere. Das macht das Ganze für Ausländer schwer durchschaubar.

Man verhandelt lange. Alles wird geplant, alles wird besprochen. Weil Kompromisse als Zeichen von Schwäche interpretiert werden könnten, geht man sie nur ein, wenn auch die Gegenseite zu entsprechenden Zugeständnissen bereit ist. Sie sollten also viel Zeit mitbringen und von vorne herein Verhandlungsspielraum einplanen. Wer sich in einer starken Position befindet, sollte es nicht zu sehr zeigen. Denn wer den Stolz der russischen Geschäftspartner verletzt, hat es künftig noch schwerer.

Es gilt das geschriebene Wort. Und das wird oft so schwammig formuliert, dass der Interpretationsspielraum groß ist. Deshalb sollte man am besten einen Rechtsanwalt seines Vertrauens hinzuziehen, der die russischen Gepflogenheiten gut kennt. Die Kosten, die damit verbunden sind, werden sich sicherlich amortisieren.
Private Einladungen
Nirgends kann man die russische Seele so gut ergründen, wie im privaten Umfeld. Überreichen Sie Ihrer Gastgeberin Blumen und dem Gastgeber einen guten Tropfen. Schütteln Sie den beiden nicht unter der Türschwelle die Hand, weil das Unglück bringt. Ziehen Sie beim Betreten der Wohnung die Schuhe aus. Vergessen Sie für diesen Abend alle guten Vorsätze, die die schlanke Linie betreffen. Und seien Sie offen für das, was kommen wird:

Sie werden in den nächsten Stunden mehr essen, als sonst an mehreren Tagen. Üppigen Vorspeisen werden deftige Hauptgänge folgen – und diesen wiederum Torten, Konfekt und Obst. Probieren Sie von allem, um die Gastgeberin nicht zu beleidigen, und versuchen Sie trotzdem, Ihre Kräfte einzuteilen. Das wird Ihnen aber wahrscheinlich nicht gelingen. Denn die Hausherrin wird Ihnen immer wieder etwas auf den Teller laden, auch wenn Sie dankend ablehnen.

An Getränken werden Wasser und Säfte, Wodka und Cognac, russischer Sekt und manchmal auch Wein oder Bier gereicht. Da Sie um den Wodka ohnehin nicht herumkommen werden, empfiehlt es sich, ausschließlich Wodka und Wasser zu trinken. „Wodka“ bedeutet im Russischen „Wässerchen“ – eine verharmlosende Umschreibung für ein Getränk mit einem Alkoholanteil von 40 bis 50 Prozent. Das Nationalgetränk der Russen wird zu allen Anlässen und von allen Bevölkerungsschichten getrunken – ob bei Geschäftsverhandlungen, Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen. In guten und in schlechten Zeiten. Bei Gesundheit und Krankheit. Schließlich sind die Russen überzeugt, dass man mit Wodka selbst schwerere Leiden besiegen kann.

Wodka trinkt man nicht für sich, sondern in der Runde: Zuerst ein Trinkspruch – denn Trinken ohne Trinkspruch ist Trinksucht –, dann der Wodka, ex und hopp. Trinksprüche haben in Russland eine lange Tradition. Bei einem einfachen „Zum Wohl“ (Na Sdrowje) bleibt es selten. Meist hält jemand eine Rede, die mit einem humorvollen Trinkspruch endet. Als erstes spricht übrigens der Gastgeber. Einer der Gäste antwortet ihm mit einer Gegenrede – und einem Trinkspruch. Doch auch dabei wird es kaum bleiben, denn der restliche Abend bietet viele weitere Anlässe zum Anstoßen – und Austrinken. Gefeiert wird, solange die Gäste durchhalten...

Bildquelle: aboutpixel.de © reitgasse