Loyalität = Selbstaufopferung?
Noch vor einigen Jahrzehnten war es nicht unüblich, sein ganzes Leben
beim gleichen Unternehmen zu arbeiten. Man fühlte sich wie in einer Art
Familie; der Chef war das Familienoberhaupt, das für alle sorgte.
Entsprechend hoch war die Loyalität gegenüber der Firma – schließlich
fühlte man sich dort verwurzelt.
In Zeiten, in denen man selten mehr als ein paar Jahre beim gleichen
Unternehmen arbeitet, ist die Verbundenheit natürlich geringer. Und
entsprechend fühlt man sich weniger zur Loyalität verpflichtet.
Loyalität – im ursprünglichen Sinn „Pflichttreue“ oder „Zuverlässigkeit“
– ist für viele ein altmodischer Begriff, der keine Bedeutung mehr hat.
Zu unrecht! Loyalität ist auch heute noch wichtig. Es geht, mit anderen
Worten gesagt, um Fair play. Und das ist doch nicht altmodisch, oder?
Loyalität? Was bedeutet das eigentlich?
Zum Beispiel geht es dabei um Ihre Verschwiegenheit. Ihr Arbeitgeber
muss sich auf Ihre absolute Diskretion verlassen können.
Plaudern Sie also nicht abends in der Kneipe unbedarft über wichtige
Firmeninterna – womöglich so laut, dass auch der Nachbartisch problemlos
zuhören kann. Denn wenn diese Informationen an den Falschen gelangen, –
und solche Zufälle gibt es – kann das für Sie böse enden. Im
schlechtesten Fall mit einer Kündigung.
Sie sollten es auch unbedingt unterlassen, mit flüchtigen Bekannten über
Probleme, die das Unternehmen momentan mit der Qualitätssicherung hat,
zu tratschen oder brühwarm und schadenfroh herumerzählen, dass in der
Geschäftsleitung demnächst Köpfe rollen werden – zumindest dann nicht,
wenn es in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt ist.
Übrigens sollten Sie das nicht nur deshalb nicht tun, weil
arbeitsrechtliche Konsequenzen drohen, wenn dem Unternehmen dadurch
Schaden zugefügt wird, sondern schlicht und einfach aus Loyalität – also
Fairness.
Man macht auch nicht einfach montags blau, weil das Wochenende wieder so
kurz war. Warum nicht? Wenn Sie krank machen, müssen die anderen Ihre
Arbeit erledigen. Und das ist unfair. Umgekehrt fragt man sich schnell:
„Warum soll ich mich eigentlich jeden Tag in die Firma quälen, während
Frau Müller sich einen schönen Tag macht?“ Und das sollte man nicht
vergessen.
Aus dem gleichen Grund lästert oder klatscht man nicht über Kollegen
oder den Chef. Denn wenn man von jemandem ins Vertauen gezogen wird und
dieses Vertrauen enttäuscht, nur damit man in der Kaffeepause etwas zu
erzählen hat, wird einem schnell niemand mehr etwas anvertrauen. Und das
führt in die Einsamkeit.
Ganz besonders von Sekretärinnen wird Loyalität erwartet. Sie gehört
sozusagen zur Stellenbeschreibung. Denn sie erfahren immer wieder
sensible Firmengeheimnisse – und wenn man sich nicht auf ihre
Verschwiegenheit verlassen kann, haben sie ihren Job verfehlt.
Loyalität ist keine Einbahnstraße
Loyalität – und das wird leider oft vergessen – ist aber keine
Einbahnstraße. Wenn Sie loyal mit Ihren Kollegen und Ihrem Vorgesetzten
umgehen, können Sie das auch von diesen einfordern – und umgekehrt.
Ihr Chef erwartet von Ihnen kleine Notlügen, wenn er einen Termin
absagen muss oder sich um ein Telefonat mit einem Kunden drücken will?
Dann sollte er auch Ihnen helfen, wenn Sie sich mal in einer
unangenehmen Situation befinden. Er bittet Sie, einen Fehler auf sich zu
nehmen, weil er sich Kunden gegenüber keine Blöße geben will? Dann
sollte er auch Sie nicht zur Schnecke machen, wenn Sie mal etwas
verbockt haben. Sie decken Ihren Kollegen, wenn er morgens zu spät
kommt? Dann sollte er auch dicht halten, wenn Sie mal die Mittagspause
überziehen.
Loyalität hat also auch viel mit Teamdenken und Hilfsbereitschaft zu
tun. Dabei kann man nicht erbsenzählerisch alles gegeneinander
abrechnen. Doch wenn man das Gefühl bekommt, ausgenutzt zu werden,
sollte man dringend das Gespräch suchen und dem Betreffenden erklären,
dass Loyalität immer ein Geben und Nehmen ist.
Wo Loyalität ihre Grenzen hat
Wenn Ihr Chef Sie um Erledigungen bittet, die zum Beispiel gegen das
Gesetz oder Ihre moralischen Grundsätze verstoßen, sollten Sie sich
verweigern und um ein klärendes Gespräch bitten. Er kann nicht von Ihnen
verlangen, dass Sie Belege fälschen oder ihn bei seiner Frau verleugnen,
damit er sich mit seiner Geliebten treffen kann. Erläutern Sie ihm, wo
die Grenzen Ihrer Loyalität und Ihrer seelischen Belastbarkeit liegen.
Auch wenn Sie in einen Konflikt zwischen Firmen- und Chefinteressen
geraten oder permanent zum Sündenbock gemacht werden, sollten Sie dem
Einhalt gebieten. Schließlich werden dann im Unternehmen Ihre eigenen
Kompetenzen angezweifelt. Und: Wer sich ausgenutzt fühlt, verliert nicht
nur sein Selbstwertgefühl, sondern auch die Motivation für seinen Job –
und das sollte auch Ihren Chef interessieren.