LeitzKnowHow
Konstruktiv kritisieren
 
Manchen Menschen fällt es leicht, andere zu kritisieren – bei einigen hat man sogar das Gefühl, sie tun den ganzen Tag nichts anderes. Für andere ist es fast eine Qual, jemandem mitteilen zu müssen, dass man mit seinem Verhalten oder seiner Arbeit nicht einverstanden ist. Das liegt daran, dass die eigene Wesensart bei der Kommunikation mit dem Mitmenschen immer mitspielt. Wer das Leben eher in düsteren Farben sieht, fühlt sich bestätigt, wenn mal wieder etwas nicht geklappt hat und es Anlass zur Kritik gibt. Wer eher optimistisch gestimmt ist, empfindet ein Haar in der Suppe nicht als Drama, sondern fischt es einfach heraus. Robustere Naturen können einen Tadel einfach hinnehmen nach dem Motto „davon geht die Welt nicht unter“, während sensible Menschen Kritik schon fast als Weltuntergang empfinden. Mal trifft ein Holzhammer auf eine Mimose. Ein anderes Mal dringt eine zarte Spitze durch ein dickes Fell überhaupt nicht durch. Manche wiederum haben nie gelernt, dass es besser ist, Konflikte auszutragen, anstatt sie unter den Teppich zu kehren. Auch deshalb geht beim Thema „Kritik“ viel schief. Umso wichtiger ist es, beim Kritisieren einige Regeln zu beachten. Schließlich soll Kritik zwar ankommen, aber nicht zerstörerisch wirken.
Erst nachdenken, dann kritisieren
Sie bekommen etwas
präsentiert, was Ihnen nicht gefällt. Brüllen Sie nicht sofort los,
sondern holen Sie erst einmal Luft und denken Sie kurz nach, wo genau
das Problem für Sie liegt. Eine Pauschalkritik, die auch noch hoch
emotional kommuniziert wird, bringt gar nichts.

Keine Generalabrechnungen
Man sollte zwar Wut erst einmal
verrauchen lassen, bevor man Kritik äußert, allerdings ist es auch nicht
zielführend, längst Vergangenes wieder aufzuwärmen. Warten Sie deshalb
nicht, bis sich Ihr Ärger so aufgestaut hat, dass er aus Ihnen
herausbricht. Denn dann besteht die Gefahr, dass Sie über das Ziel
hinausschießen und verallgemeinern. „Du gehst mir so was auf den Geist.
Nie räumst Du die Teeküche auf. Immer steht Dein Geschirr in der Gegend
rum.“
Unter vier Augen
Wollen Sie, dass der Kritisierte aus Ihren
Anmerkungen lernt? Oder wollen Sie sein Selbstbewusstsein zerstören?
Letzteres tun Sie, wenn Sie Ihre Kritik vor versammelter Mannschaft
äußern. Der Pranger ist bei uns zum Glück abgeschafft
Das Loben nicht vergessen!
Jemand hat sich mit einer Arbeit
ganz viel Mühe gegeben, und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Doch
dann kommt als Feedback nicht etwa ein anerkennendes Schulterklopfen,
sondern ausschließlich ein Hinweis auf einen marginalen Fehler, den man
übersehen hatte. Wie ärgerlich! Und wie demotivierend! Wenn das Positive
überwiegt, sollte man das auch in den Vordergrund stellen: „Hast Du toll
gemacht! Das sieht wirklich prima aus. Kompliment. Einen kleinen
Änderungsvorschlag hätte ich noch. Was meinst Du?“
Aber Achtung: Man spürt sofort, wenn Lob nur ausgesprochen wurde, weil man ja loben soll; „Frau Müller, vielen Dank für Ihr Konzept für unsere neues Seminar. Das haben Sie sehr gut gemacht. Die inhaltlichen Schwerpunkte möchte ich allerdings anders setzen. Und es sollte an einem anderen, besser erreichbaren Ort stattfinden. Der Referent, den Sie vorschlagen, sagt mir nicht zu. Außerdem sollten wir ein anderes Datum wählen.“ Erst loben, dann alles zerpflücken? Dann ist das Lob unglaubwürdig – und auch künftig nichts mehr wert.
Der Ton macht die Musik!
Einen größeren Mist habe ich noch nie
gesehen.“ „Etwas Professionalität hätte ich von Ihnen schon erwartet.“
Bleiben Sie sachlich und beleidigen Sie Ihr Gegenüber nicht. Wer kein
Selbstbewusstsein mehr hat, traut sich nichts zu – und wer sich nichts
zutraut, bekommt auch nichts zustande.
Zudem kommt es auf die Wortwahl an – manche Worte demotivieren mehr als andere. Ein Beispiel: Das Kleid macht dich fett. Das Kleid sollte etwas lockerer sitzen. Das Kleid ist unvorteilhaft geschnitten. Du hast eine tolle Figur, die in diesem Kleid aber nicht richtig zur Geltung kommt.
Aufbauen, nicht zerstören
Meckern ist leicht – besser
machen ist schwieriger. Wer kennt das nicht: Man sucht verzweifelt nach
einer guten Idee. Doch jeder neue Gedanke wird von einem der Beteiligten
sogleich in Grund und Boden verdammt. „Das hatten wir schon tausend
Mal.“ „Das funktioniert nie.“ „Das bekommen wir nie genehmigt.“ „Das
sieht doch völlig unmöglich aus.“ Nach derartigen Beurteilungen hat
keiner mehr Lust, spontan zu erzählen, was ihm gerade eingefallen ist.
Die Schere im Kopf schnappt zu – und die Kreativität bleibt auf der
Strecke.
Lehnen Sie eine Idee nicht komplett ab, nur weil Ihnen ein einzelner Aspekt nicht gefällt. Man kann einen Ansatz immer auch weiterentwickeln – in die eine oder die andere Richtung.
Sagen Sie nicht nur, dass Ihnen etwas nicht passt, sondern erläutern Sie auch warum. Dann hat Ihr Gesprächspartner einen Anhaltspunkt, was er beachten sollte, wenn er Alternativen entwickelt.
Teilen Sie also nicht nur brüsk mit: „Das präsentiere ich nicht!“ Sondern erklären Sie, wo das Problem liegt: „Ich finde, dem Entwurf fehlt noch das gewisse Etwas. Wie wäre es, wenn wir einen anderen Stoff nehmen? Oder mit anderen Farbkombinationen spielen? Trauen Sie sich ruhig, hier den Saum noch ein bisschen zu kürzen.“
Bauen Sie auf und zerstören Sie nicht: „Ihre Grundidee finde ich sehr gut. Wir müssen aber noch daran arbeiten, dass sie kostengünstiger umzusetzen ist.“ Diese Kritik weist einen Weg in die Zukunft – anders als die folgende: „Du spinnst wohl. Das ist unbezahlbar.“
Nicht verallgemeinern
„Sie haben keine Ahnung von Mode.“
Verallgemeinern Sie nicht, sondern äußern Sie ganz konkret, was Sie
Ihnen nicht gefällt – und senden Sie Ich-Botschaften. „Auf mich wirkt
der Stil zu konservativ.“
„Du hast Dir keine Mühe gegeben.“ Das ist Ihr persönlicher Eindruck, der durchaus falsch sein kann. Dann äußern Sie ihn auch so: „Der Entwurf wirkt auf mich etwas lieblos.“
Auch Loben will gelernt sein
„Sieht ganz nett aus.“ Das soll
ein Lob sein? Dazu klingt die Äußerung viel zu gönnerhaft. Loben Sie
konkret. Heben Sie hervor, was Ihnen besonders gut gefallen hat und
begründen Sie es auch. Ein so erteiltes Lob führt genauso weiter wie
eine fundierte Kritik!
Zuhören ist eine Kunst ...
... die leider nur wenige
beherrschen. Wenn Sie es schaffen, nicht nur zu kritisieren, sondern
auch zu loben, wenn Sie Ihrem Gesprächspartner die Chance geben, auf
Ihre Anmerkungen zu antworten, und wenn Sie ihm dann auch noch zuhören,
dann profitieren alle Seiten von einem Klima der gegenseitigen Achtung
und Wertschätzung. Man kann immer voneinander lernen. Wenn man es will!
Bild: aboutpixel.de / aaaahhhhh... © Stefan Hiller